Bei kooperativen Brettspielen verfolgen alle ein gemeinsames Ziel und gewinnen oder verlieren zusammen. Dafür müssen sie sich absprechen, planen und gemeinsam entscheiden. Studien zeigen, dass solche Spiele soziale Interaktionen anregen können. Dass sie soziale Fähigkeiten dauerhaft und außerhalb des Spiels verbessern, ist bislang nicht überzeugend belegt.
Was soziale Fähigkeiten hier bedeuten
Forschende untersuchen etwa, ob Kinder teilen, verhandeln oder mit anderen zusammenarbeiten. Auch Empathie und Perspektivübernahme gehören zu den erfassten Bereichen. Diese Ergebnisse zeigen nicht dasselbe. Wenn ein Kind nach einer Partie mehr teilt, belegt das noch keine umfassende Veränderung seiner sozialen Fähigkeiten. Ebenso zeigt ein Gespräch über Mobbing nicht automatisch, dass Mobbing im Alltag abnimmt.
Auch der Zeitpunkt der Messung zählt. Eine Studie kann beobachten, wie Kinder während einer Partie miteinander umgehen, oder prüfen, ob sich ihr Verhalten danach verändert. Das sind unterschiedliche Fragen.
Was Kinder im Spiel üben
Kooperative Regeln schaffen konkrete Anlässe, gemeinsam zu planen und Vorschläge auszuhandeln. In einer Studie mit 37 Erstklässlerinnen und Erstklässlern beobachteten Forschende während kooperativer Partien anspruchsvollere Verhandlungen und mehr gemeinsame Spielerlebnisse als während kompetitiver Spiele. Der Befund beschreibt das Verhalten am Spieltisch. Er sagt nicht, ob die Kinder danach auch in anderen Situationen häufiger verhandelten.
Ein kurzfristiger Effekt zeigte sich in einer Studie mit 96 Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren. Nach einem kooperativen Spiel teilten die Kinder mehr mit einer unbeteiligten Person als nach einem kompetitiven Spiel. Bei sozialer Einbeziehung und beim freien Spiel mit dem vorherigen Spielpartner ergab sich dieser Unterschied nicht. Das deutet darauf hin, dass das Spiel eine bestimmte Verhaltensweise beeinflussen könnte. Einen allgemeinen Zuwachs sozialer Fähigkeiten belegt es nicht.
Ob der Effekt anhält, ist offen
Eine Studie mit 65 Kindern im Alter von vier bis sechs Jahren verglich über sechs Wochen kooperative und kompetitive Brettspiele. Bei Aufgaben danach fanden die Forschenden keine messbaren Unterschiede. Das galt für die Zusammenarbeit und hilfsbereites Verhalten ebenso wie für Verhaltensweisen, die anderen schaden. Nach kompetitiven Spielen beobachteten sie zwar mehr Konkurrenz, doch diese Messung war wenig zuverlässig. Die Kinder mochten die kooperativen Spiele im Durchschnitt lieber.
Auch bei Jugendlichen fiel der Vergleich nicht eindeutig aus. In einer Studie mit 91 Siebtklässlerinnen und Siebtklässlern gab es nach etwa einer Stunde Spielzeit über drei Schultage keinen allgemeinen Vorteil der kooperativen Spiele für Perspektivübernahme oder kooperative Einstellungen. Eine zusätzliche Auswertung brachte Spielspaß mit einem stärkeren Anstieg bei den Selbstauskünften zur Perspektivübernahme in Verbindung. Da die Forschenden in jeder Gruppe nur ein Spiel verwendeten, lässt sich dieser Zusammenhang nicht allein mit den kooperativen Spielregeln erklären.
Befunde zum Verhalten direkt nach dem Spielen sind aussagekräftiger als Aussagen über langfristiges Lernen. Viele Studien prüfen nicht, ob Veränderungen Wochen später noch bestehen oder auch in der Familie, in der Schule und in anderen Gruppen auftreten.
Spiel und Begleitung zählen
Was ein Brettspiel bewirkt, hängt auch vom Thema und davon ab, wie es gespielt wird. In einer Studie mit 328 Fünftklässlerinnen und Fünftklässlern verbesserten sich die Kenntnisse über Mobbing sowohl nach einem kooperativen Spiel als auch nach dem Spiel mit anschließender Nachbesprechung. Für die Gruppe mit Nachbesprechung berichteten die Forschenden außerdem mehr Empathie und weniger negative Einstellungen zu Mobbing. Das deutet darauf hin, dass die Nachbesprechung manche Ergebnisse beeinflusst. Die Studie belegt jedoch nicht, dass tatsächliches Mobbingverhalten dauerhaft zurückging.
Auch die Gruppe und das Spiel selbst machen einen Unterschied. Eine Untersuchung mit Kindern im Autismus-Spektrum fand während eines speziell gestalteten Brettspielangebots mehr soziale Kommunikation pro Sitzung als davor und danach. Dieser Befund bezieht sich auf ein bestimmtes Angebot und eine bestimmte Gruppe. Er lässt sich nicht auf jedes Kind und jedes Spiel übertragen.
Übersichten über Brettspielangebote fassen außerdem Studien mit sehr unterschiedlichen Fragen zusammen. Eine systematische Übersicht fand 27 geeignete Studien, die vor allem Wissen, kognitive Funktionen und weitere Bedingungen untersuchten. Daraus folgt kein allgemeiner Nachweis für bessere soziale Fähigkeiten durch kooperative Brettspiele.
So wird die Partie zur Übungsgelegenheit
Wer beim Spielen soziale Fähigkeiten fördern möchte, sollte darauf achten, wie die Mitspielenden miteinander umgehen. Ein Spiel eignet sich dafür eher, wenn die Mitspielenden gemeinsam Informationen nutzen oder Entscheidungen treffen müssen. Wenn eine Person alle Züge vorgibt, bleiben für die anderen weniger Gelegenheiten, eigene Vorschläge zu machen und aufeinander einzugehen.
Hilfreich ist, alle Mitspielenden zu Wort kommen zu lassen und Entscheidungen kurz zu begründen: „Welche Möglichkeit siehst du?“ oder „Was spricht für diesen Zug?“ Nach der Partie können Erwachsene fragen, was beim gemeinsamen Planen gut funktioniert hat und wie die Gruppe mit unterschiedlichen Ideen umging. Solche Gespräche helfen der Gruppe, das Erlebte bewusst zu besprechen. Sie garantieren keinen Lernerfolg, schaffen aber Raum, Verhalten wahrzunehmen und einzuordnen.
Die Spielauswahl sollte außerdem zum Alter der Mitspielenden, ihren Interessen und zur Gruppengröße passen. Wenn die Regeln Frust auslösen oder eine Person dauerhaft die Führung übernimmt, haben die anderen weniger Gelegenheit, sich einzubringen. In der Untersuchung mit Jugendlichen hing die Freude am kooperativen Spiel mit einem positiven Ergebnis bei der Perspektivübernahme zusammen, obwohl der allgemeine Vergleich keinen Vorteil zeigte.